Predigt über Gal 5,25-6,10 am 15. S.n.Trin., 24.9.2022 - Pastorin Antje Stümke

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. A.

Liebe Gemeinde,

Sorget nicht um euer Leben, denn euer himmlischer Vater weiß, was ihr braucht! Können wir dieser Ermutigung Jesu voller Vertrauen folgen? Schließlich kennen wir viele Sorgen, auch solche, die uns nachts nicht schlafen lassen: Wie werde ich durch den Winter kommen, werde ich meine Rechnungen für Strom und Gas bezahlen können? Die Lebensmittel sind doch teuer genug geworden, und nun ist es schon im September ungewöhnlich kalt. Wie lange soll dieser unselige Krieg denn noch währen? Und wie viele Menschen werden weiterhin grausam getötet werden, wenn Putin unausgebildete Reservisten zum Kriegsdienst verpflichtet? Können wir da sorgenfrei leben? Können wir immer noch mit dem Wochenlied singen: Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.

Doch, wir haben so gesungen, die einen fröhlich, die anderen eher nachdenklich, aber doch zuversichtlich im Vertrauen auf Gott. Denn allen Sorgen zum Trotz eint uns der Glaube daran, dass wir unser Leben Gott verdanken und dass er uns in allem, was wir erleben und erleiden, mit Trost und Gnade beschenkt. Insofern ermuntert uns Jesus: Sorget nicht um euer Leben! Denn unser Leben liegt in Gottes Händen. Das aber bedeutet nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen und Not und Ungerechtigkeit erdulden müssen. Denn unser christlicher Glaube ist kein Glaube, der sich aus der Welt und ihren Problemen heraushält. Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden und in die Welt gekommen, um sich unserer Sorgen und Nöte anzunehmen. In der Nachfolge Jesu hat unser Glaube darum immer zwei Ausrichtungen: Einerseits danken wir Gott für seine Gnade und vergewissern uns seiner Treue. Andererseits richten wir uns wie Jesus an die Menschen, so dass unser Glaube in der Nächstenliebe Gestalt gewinnt. Darum geht es in unserem Predigtwort aus dem Galaterbrief des Paulus.

Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln. Lasst uns nicht eitler Ehre geizig sein, einander nicht reizen, einander nicht neiden. Wenn ein Mensch etwa von einem Fehl übereilt würde, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid. Und siehe auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Denn wenn sich jemand lässt dünken, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. Irrt euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät, der wird vom Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird vom Geist das ewige Leben ernten. Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht ablassen. 

 Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln! Dass wir mithilfe von Gottes heiligem Geist leben, hat Paulus in den ersten Kapiteln des Galaterbriefes ausgeführt. Nun wendet er sich den ethischen Konsequenzen unseres christlichen Glaubens zu. Konsequenz oder - wie Paulus sagt – Frucht unseres Glaubens ist die Nachfolge Jesu, was er zuspitzt in dem bekannten Wort: Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. 

Dieses Gesetz Christi ist sein Gebot der Nächstenliebe. Aber was so selbstverständlich und einleuchtend klingt, ist in Wahrheit schwer. Schließlich geht es nicht nur um einen kleinen Gefallen, der in wenigen Minuten erledigt ist. Paulus sagt ausdrücklich, dass wir als Christen des anderen Last tragen sollen. Und keine Last ist leicht, sondern Sorgen lasten schwer auf uns. Doch diese sind leichter zu tragen, wenn andere beim Tragen helfen. Das weiß schon der Volksmund mit dem bekannten Sinnspruch: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Darum kennen wir das erleichternde Gefühl, wenn uns eine Sorge abgenommen worden ist, weil ein anderer erledigt hat, was zu tun war und zu schwer erschien. Wenn der Nachbar den Rasen ohne viel Aufhebens mäht, wenn die Tochter den Einkauf erledigt oder wenn uns die Freundin zum Gottesdienst abholt. Ebenso kennen wir das befreiende Gefühl, dass alle Sorgen wie weggeblasen erscheinen, wenn wir uns den Kummer von der Seele reden konnten, weil jemand Zeit hatte und zugehört hat. Einer trage des anderen Last, das gelingt uns durchaus, und wir alle leben besser, wenn wir uns danach richten, das Gesetz Christi zu erfüllen.

Das gilt auch im Hinblick auf den kommenden Winter. Wir müssen nicht frieren, wenn wir klug und solidarisch handeln. Ich möchte darum dazu ermutigen, Nachbarschaft auch im Winter zu beleben. Bisher kennen wir sommerliche Grillfeste und den Plausch an der Hecke. Nun können wir uns reihum am Vormittag, am Nachmittag oder am Abend treffen. Dann muss nur ein Wohnzimmer mollig warm geheizt werden, und in anderen Häusern kann gespart werden. Wenn eine solche Solidargemeinschaft reihum geht, trägt einer des anderen Last. Wir müssen dabei nicht die ganze Zeit reden, wenn es nichts mehr zu erzählen gibt. Wir können zusammen fernsehen oder spielen. Es können auch alle für sich tun, was sie zuhause auch tun würden: Lesen, Handarbeiten, etwas reparieren oder am Laptop arbeiten. Wichtig ist, dass wir einander helfen, damit alle ihre Strom- und Gasrechnung bezahlen können. Eine solche Nachbarschaft könnte ein lebendiger Adventskalender der besonderen Art werden, weil er zugleich hilft, die Einsamkeit vieler Menschen zu überwinden.

Aber was sollen wir machen, wenn wir uns bei diesem täglichen Beisammensein gegenseitig auf den Geist gehen? Schließlich brauchen wir auch mal einen Tag ganz für uns allein. Paulus nennt uns als eine Konkretion des Gesetzes Christi: Lasst uns einander nicht reizen! Das kann in meiner Anregung bedeuten, dass wir einander das Recht zugestehen, einen Tag auszusetzen und in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Niemand wird gezwungen mitzumachen. Und wenn die Nachbarschaftsdynamik solches Ausscheren verurteilen will, lassen wir uns von Paulus korrigieren: Wenn ein Mensch von einem Fehl übereilt wurde, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid! Dann weisen wir einander daraufhin, dass jeder in Freiheit entscheiden kann, ob er oder sie heute mitmacht oder für sich bleibt. Mit solcher Rücksicht und Solidarität zugleich lasst uns dem Winter mutig entgegen sehen und einer des anderen Last tragen.

Denn, so schreibt Paulus, was der Mensch sät, das wird er ernten. Darum lasst uns Frieden säen, mit Solidarität und Rücksichtnahme. Auch mit bewusstem Verzicht auf manchen lieb gewordenen Komfort, was zugleich unser Klima schonen wird. Über den Waschlappen ist viel gelästert worden, aber das tut der Wahrheit keinen Abbruch, dass wir am Waschbecken weniger warmes Wasser verbrauchen als unter der Dusche. Darum wird dieser Rat sicher von manchem aus purer Not befolgt. Auch in Büros und in der Schule wird nicht mehr so gut geheizt sein, und warme Kleidung ist nötig, auch wenn diese vermeintlich nicht so chic ist.

Was der Mensch sät, das wird er ernten. Lasst uns Vernunft säen, auch mit klugem Einsatz der Mittel, die uns dennoch zur Verfügung stehen. Dazu zählen ca. 5 Millionen Euro an zusätzlichen Kirchensteuern, die der Kirche unverhofft in den Schoß gefallen sind. Wie es dazu gekommen ist? Wir alle haben vom Staat 300 Euro als entlastende Einmalzahlung erhalten. Damit diese sozial gerecht ist, wird sie versteuert. Und bei der Einkommenssteuer fällt anteilig Kirchensteuer an. Die Synode unserer Nordkirche hat in dieser Woche einstimmig beschlossen, dass die 5 Millionen Euro dem Diakonischen Werk zur Verwaltung übergeben werden. Dort können Mittel beantragt werden für besondere Projekte wie Tafeln, Suppenküchen und Wärmestuben mit Hausaufgabenbetreuung. Oder Menschen in großer Not können dort unbürokratisch finanzielle Hilfe bis zum Begleichen einer Gasrechnung erhalten.

Das Geld wird also nicht gleichmäßig an die Kirchengemeinden ausgeschüttet werden, wie es mancher Kirchengemeinderat gehofft hatte. Schließlich fällt auch uns in der Kirchengemeinde Barmstedt oder hier in der Osterkirche bei immer knapper werdenden Steuereinnahmen genug ein, wofür wir das Geld gut hätten brauchen können. Aber bevor wir anfangen, neidisch auf das Diakonische Werk zu schielen, lasst uns wiederum auf unser Predigtwort hören: Lasst uns nicht eitler Ehre geizig sein, einander nicht reizen, einander nicht neiden. Sieh auf dich selbst, dass du nicht versucht wirst!, sagt Paulus. Sieh auf dich selbst, dass du nicht mitmachst bei Neid und Gier! Oder bei der Angst, dass du selbst zu kurz kommen könntest, weil ein anderer Geld bekommt und du nicht. Lasst uns vielmehr auf Gott vertrauen und einer des anderen Last tragen. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät, zum Beispiel auf Angst und Egoismus, der wird vom Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird vom Geist das ewige Leben ernten. 

Darum lasst uns auf den Geist säen, lasst uns Frieden säen und einander Gutes tun und darin nicht müde werden! Auch dann nicht, wenn der Erfolg ausbleibt, weil mein Einsatz allein ja doch nichts ausrichtet. Denn wie sähe es in dieser Welt aus, wenn niemand bereit wäre, des anderen Last zu tragen? Es bleibt schwer, das Gesetz Christi zu erfüllen, und manchmal möchten wir wegen der Aussichtslosigkeit unseres Einsatzes für eine bessere Welt verzweifeln und sogar aufgeben. Auch das hat Paulus im Blick, wenn er uns ins Stammbuch schreibt: Lasst uns Gutes tun und nicht müde werden, denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht ablassen! Daraus spricht die Hoffnung des christlichen Glaubens, eine Hoffnung, die weiter reicht als die kurze Zeit, die wir vor Augen haben. Daraus spricht die Geduld, die Gott mit uns hat und die wir darum in der Nachfolge Christi auch aufbringen müssen. Die Geduld, die niemanden aufgibt, weil auch Gott uns Menschen nicht aufgegeben hat und niemals aufgeben wird. Darum schenkt Gott uns seinen Geist – jeden Tag neu. Seinen heiligen Geist, aus dem heraus wir leben und handeln. Den Geist des Glaubens, den Geist der Kraft und der Liebe, der Geist der Hoffnung und der Geduld. Den Geist, der sich durch nichts und niemanden beirren lässt und der uns den langen Atem gibt. Den Geist, der Gott und seinen Geboten treu bleibt. Den Geist, der schlicht anerkennt, dass wahr ist: Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen! 

Amen.


Predigt über Apg 9,1-20 am 12. S.n.Trin., 4.9.2022 - Pastorin Antje Stümke

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn JC. Amen.

Liebe Gemeinde!

Aus Saulus wird Paulus. Diese Geschichte kennen wir vermutlich alle. Der Christenverfolger wird durch Gottes Eingreifen zum großen Kämpfer für den Glauben an Jesus Christus. Der Christushasser wird zum größten und eifrigsten Missionar der frühen Kirche. Das ist eine Geschichte, die man nicht mehr vergisst. Denn Paulus ist ein Mensch, wie es nur wenige gegeben hat. Ein Mensch, der durch Gottes Eingreifen in eine totale Lebenskrise gerät, weil er plötzlich mit seiner Schuld konfrontiert wird. Und das Wunder geschieht: In der radikalen Konfrontation bekennt Saulus seine Schuld, er bereut diese und fängt noch einmal ganz von vorn an. Wie sehr würden wir uns wünschen, dass dieses Wunder in unseren Tagen ebenso geschehen könnte! Wie sehr beten wir dafür, dass Putin und andere Diktatoren und Tyrannen ein solches Damaskuserlebnis haben möchten!

Was ist damals geschehen, als Saulus zum Paulus wurde? Wer hat dieses Wunder bewirkt? Es geschieht, weil Jesus Christus selbst dem Saul auf seinem Weg nach Damaskus begegnet: Plötzlich umleuchtete ihn ein Licht vom Himmel, und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? - Was Saulus hier erlebt, kann einen wirklich umhauen. Denn das ist die totale Infragestellung seines bisherigen Lebens. Er hat doch gemeint, dass das, was er tut, gut und richtig ist. Er hat doch geglaubt, Gott damit zu dienen, wenn er die Christen verfolgt. Denn als der fromme Jude, der er war, wollte er alles tun, was Gott gefällt. Und nun muss er erfahren, dass er sein Leben verfehlt hat und dass er dem Willen Gottes von Grund auf zuwider gehandelt hat. – Kein Wunder also, dass es ihn umhaut. Kein Wunder, dass er sich wie erschlagen fühlt, ja dass er mit Blindheit geschlagen ist. Als er seine Augen auftat, sah er nichts. Er ist blind geworden für alles, was um ihn herum vorgeht. Nichts davon nimmt er mehr wahr. Seine Gefährten müssen ihn stützen, weil er, der doch immer so sicher und selbstbewusst war, plötzlich nicht mehr weiß, was er tun soll. Sie müssen ihn nach Damaskus führen, weil er nicht mehr weiß, wohin er eigentlich gehen will. Sie müssen ihn bei der Hand nehmen, weil er nicht mehr sehen kann, wie es mit ihm weitergehen kann. Er ist eben mit Blindheit geschlagen.

Aber in diesem Blindsein, in dieser totalen Infragestellung und Lebenskrise liegt eine Chance, die Gott ihm schenkt. Denn weil er an nichts anderes denkt und sich durch nichts anderes ablenken lässt, ist er auch in dieser Zeit der Krise ganz bei Gott, und Gott ist bei ihm. Genau das kann Saulus nicht fassen: Er ist seinem Herrn und Gott begegnet, der ihn mit seinem fehlgeleiteten Leben konfrontiert, aber nicht vernichtet hat. Denn sicherlich schämt sich Saulus über seine große Schuld, und er ist blind vor Angst, weil er sich vor Gottes Gericht fürchtet. Darum schlägt er die Augen nieder, darum will und kann er nichts um sich herum mehr ertragen, darum isst und trinkt er drei Tage lang nichts. Und wieder kreisen seine Gedanken um das besondere Erlebnis, das ihm auf dem Weg widerfahren ist. Wieder hört er sich fragen: Herr, wer bist du? Und wieder hört er die Antwort Christi: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Stehe auf und gehe in die Stadt. Dort wird man dir sagen, was du zu tun hast.

 Herr, wer bist du?, hatte er also gefragt. Und das Wundersame ist, dass Saulus mit dieser ersten und einfachen Frage schon alles gesagt hat, was er fortan glauben, bekennen und verkünden wird. Schon in dieser Frage ist das Wunder angelegt, das den Saulus zum Paulus machen wird. Denn Saulus nennt Jesus bereits: Herr!, wie er ihn von nun an immer nennen wird. Auch wenn er danach noch drei Tage blind ist, so hat er in seiner Vision auf dem Weg bereits erkannt, wer ihm da begegnet und wer sein Leben von Grund auf ändert. Aber zugleich fragt er: Wer bist du? Bist du ein Herr, der mich bestraft? Oder bist und bleibst du mein Herr und mein Gott, der gnädig auf mich schaut? Denn noch kann er nicht wirklich fassen, was er schon bald darauf aller Welt erzählen wird: Dass unser Gott nämlich ein barmherziger Gott ist, der uns in Jesus Christus aus aller Sünde erlöst.

Darum schickt Gott ihm einen Boten vorbei, den Hananias, einen Christen aus Damaskus. Wie mag der sich wohl gefühlt haben, als er von Gott den Auftrag erhielt, zu Saul von Tarsus zu gehen? Von diesem Saulus hatte er schon viel gehört: Der war berühmt und berüchtigt dafür, dass er die christliche Gemeinde verfolgte und Christen ins Gefängnis brachte. Ja, er schnaubte mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn. Alle hatten sie vor ihm Angst, auch Hananias. Und nun hatte man gehört, dass dieser Saulus nach Damaskus kommen sollte. Und dass der Hohepriester ihm Briefe mitgegeben hatten an den Synagogenvorsteher von Damaskus, auf dass, wenn er etliche von der neuen Lehre fände, Männer und Frauen, er sie gebunden nach Jerusalem führte. - Und zu diesem Saulus sollte Hananias nun gehen! Hätte Gott ihn zu irgendeinem Kranken geschickt, Hananias wäre ohne Zögern und ohne Widerspruch aufgestanden und zu diesem gegangen, um ihm die Hände aufzulegen und mit ihm zu beten. Aber zu Saul von Tarsus? Den will Hananias nicht aufsuchen, vor dem hat er Angst. Er kann ja nicht wissen, was auf dem Weg nach Damaskus passiert ist. Er kann nicht wissen, dass Christus selbst dem Saulus begegnet ist. Er kann nicht wissen, dass dieser Saulus durch Gottes Eingreifen schon auf dem Weg ist, ein Paulus zu werden.

Also wehrt sich Hananias gegen Gottes Auftrag: Meinst du das ernst, Gott? Soll ich wirklich einem Menschen helfen, der so viel Böses getan hat und der deiner Gemeinde so viel Leid zugefügt hat? Muss ich mein Leben für so einen Übeltäter in Gefahr bringen? Denn was wird der Dank sein, wenn ich ihn von seiner Blindheit heile? Er wird mich gefangen nehmen und nach Jerusalem abführen! - Gott wischt diesen Einwand nicht weg, sondern er versteht die Bedenken. Geduldig erzählt er Hananias, welche Pläne er mit dem späteren Paulus hat: Geh hin, denn dieser ist für mich ein auserwähltes Rüstzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen. Ob Hananias diese Antwort Gottes schon verstanden hat, wissen wir nicht. Aber er vertraut Gott. Er glaubt fest daran, dass Gott weiß, was er tut, und er vertraut darauf, dass Gott ihm helfen wird. Dieser Glaube verleiht ihm den Mut, sich der Herausforderung zu stellen und zu diesem Saulus zu gehen. Er geht dorthin mit der Zuversicht, dass Gott ihn bewahren wird. Durch seinen Glauben kann er also alle Vorbehalte, die er gegen diesen Saul von Tarsus hegte, allen Argwohn, allen Abscheu und alle Angst ablegen. Auf Gottes Wort hin geht er los, um Saulus die Hände aufzulegen, um für ihn zu beten und ihn in der Vollmacht Jesu Christi von seiner Blindheit zu heilen.

So treffen diese beiden also aufeinander, diese beiden, die sich wenige Tage zuvor noch aus vollem Herzen gehasst haben. Nun aber ist die Situation dank Gottes Fügung eine ganz andere geworden. Beide haben sich verändert. Der eifernde Hass des Saulus ist in sich zusammen gebrochen und hat sich in nichts aufgelöst. Und weil Gott den Hananias von seiner Angst befreit hat, hat sich auch dessen Hass in Liebe verwandelt. Darum begrüßt er Saul mit den Worten: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir erschienen ist auf dem Wege, als du herkamst. Du sollst wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden. Ja, Hananias nennt Saul tatsächlich: Lieber Bruder! Und Saul begreift, dass es für ihn wirklich ein neues Leben gibt nach der großen Schuld, die er auf sich geladen hat. Er begreift, dass Gott ihm vergibt und noch einiges mit ihm vorhat. Und er erfährt, dass er wieder zu einer Gemeinde dazugehört. Gott wird ihm von nun an Menschen an die Seite stellen wird, die ihn als Brüder und Schwestern in Christus lieben und unterstützen.

So geschieht das Wunder: Aus Saulus wird Paulus. Gott vergibt uns Menschen unsere Schuld. Gott erlöst uns aus aller Sünde und befreit uns zu einem neuen Leben. Und Gott sprengt die Ketten unserer Angst und schenkt uns den Mut, auch auf den zuzugehen, der uns das Leben noch bis vor kurzem zur Hölle gemacht hat. Gott erlöst uns aus den Fesseln des Hasses und ermöglicht unter uns Versöhnung und Frieden. Dieses Wunder ist damals bei Paulus und bei Hananias so geschehen. Und wie schon gesagt: Wir wünschen uns sehr, dass dieses Wunder in unseren Tagen auch geschehen möge! Wir wünschen es denen, die heute foltern und morden, die den Befehl zum Raketenabschuss geben und für Großmachtphantasien und Machterhalt über Leichen gehen Und wir wünschen es auch denen, die immer noch blind und taub sind für die Gefahr, in der unsere Erde schwebt. Die trotz dramatischer Wetterereignisse, trotz Dürren und Überschwemmungen mit katastrophalen Folgen noch immer den Klimawandel leugnen und nichts dagegen unternehmen. Wir wünschen das Damaskuswunder all denen, die Schuld auf sich laden und unvorstellbares Leid über die Menschen bringen.

Bei ihnen allen können wir nur wünschen, hoffen und beten. Im Gebet wenigstens können wir zum Hananias werden. Wir können Gott bitten, dass er denen, die mit Blindheit geschlagen sind, endlich die Augen öffnen möge. – Und wir können in uns selbst hineinhorchen und das Damaskuswunder in uns selbst geschehen lassen, wenn wir aneinander schuldig geworden sind. Wir können uns von Gott die Augen öffnen lassen, auf seine Stimme hören und seinem Gebot zu Frieden und Gerechtigkeit, zu Solidarität und Nächstenliebe folgen. Das Wunder geschieht, wann immer wir bereit sind, den Saulus in uns abzustreifen und dem Paulus in uns Raum zu geben. Es geschieht, wenn wir uns auf die Liebe Gottes einlassen und wie Hananias darauf vertrauen, dass Gott uns in den Aufgaben und Herausforderungen unseres Lebens schützt und segnet. Dann wird es auch uns wie Schuppen von den Augen fallen, und unter uns wird lichter Morgen sein. Wie Saulus werden wir fragen: Herr, wer bist du? Und wie Paulus werden wir Jesus Christus loben und die Liebe und Gnade Gottes verkünden.

Amen.


Predigt über 2 Sam 12, 1-10 am 11. S.n.Trin., 28.8.2022 - Pastorin Antje Stümke

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn JC. Amen.

Liebe Gemeinde!

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern über winde das Böse mit Gutem! – Ein bekanntes Bibelwort habt ihr für S. als Taufspruch ausgesucht. Es ist ein Vers, der uns allen sofort einleuchtet, dem wir spontan zustimmen und der es dennoch in sich hat. Denn was ist das Böse, das wir mit Gutem überwinden sollen? Das Böse, das offenbar die Macht hat, uns zu überrumpeln, weshalb es gegenseitiger Aufforderung und gemeinsamer Anstrengung bedarf: Lass dich ! Oder auch: Lasst uns!

Um das Böse allein oder zusammen zu überwinden, müssen wir erstmal erkennen, wo es überall lauert und wo es uns überlisten will. Unser heutiges Predigtwort führt uns das in einer Geschichte beispielhaft vor Augen. Es ist eine Geschichte von König David, zu dem der Prophet Nathan kommt, nachdem David sich wirklich vom Bösen hat überwinden lassen. David, längst verheiratet und mehrfacher Vater, hat sich nochmals verliebt. In Batseba, die auch verheiratet war. So etwas kommt vor, vermutlich fällt uns allen eine solche Geschichte aus Familie oder Freundeskreis ein. Es gibt solche Versuchungen, und die Frage ist dann, wie ich ihnen begegne. Kann ich dem Reiz widerstehen, weil ich an meiner Ehe und Familie hänge? Nutze ich eine solche Krise, um mit meinem Mann oder meiner Frau gemeinsam für die Partnerschaft zu kämpfen? Oder führt mich eine neue Verliebtheit dazu, dass ich erkenne, was ich in meiner Ehe vermisst habe, so dass es letztlich zu einer ehrlichen Trennung kommt? Das alles ist noch nicht böse. Böse wird es, wenn ich meiner neuen Leidenschaft heimlich nachgehe, wenn ich ein Doppelleben führe und meinen Partner oder meine Partnerin betrüge und ständig belüge. Böse wird es auch, wenn ich den Konflikt scheue und meine Frau oder meinen Mann einfach vor vollendete Tatsachen stelle und von heute auf morgen gehe. Böse wird es, wann immer ich dem oder der anderen tiefe Verletzungen zufüge und wenn ich auch meine Kinder nachhaltig beschädige. Und böse und abscheulich war auch das, was David getan hat. Denn er hat, um Batseba zu bekommen, seine Stellung als König missbraucht. Nachdem er sie zunächst in sein Schlafzimmer bestellt und geschwängert hat, hat er einen Plan ersonnen, wie er sie ihrem Mann Uria wegnehmen konnte. In einem der vielen Kriege, die David führte, hat er seinem obersten Heerführer befohlen, den Soldaten Uria in die vorderste Kampflinie zu stellen, wo dieser dann auch plangemäß von gegnerischen Soldaten getötet wurde. David hat daraufhin – zusätzlich zu allen Frauen, die er bereits hatte - die Witwe Batseba zur Frau genommen, die ihm einen Sohn geboren hat.

Was David getan hat, empört uns. Und wir empfinden Mitgefühl mit Uria und mit Batseba. Ihre Gefühle aber interessieren den damaligen biblischen Schriftsteller genauso wenig wie die Gefühle von Davids anderen Ehefrauen und deren Kindern. Batseba wird uns nur dargestellt als Gegenstand von Davids Begierde. Und an seinem Verhalten lässt sich beobachten, wie das Böse von ihm Besitz ergreift und wie er sich vom Bösen überwinden lässt. Das Böse versucht ihn als die Begierde, die schöne Frau zu besitzen. Als Neid auf Uria, der sie zur Frau hat. Als Unersättlichkeit, mit der er, der doch schon alles hat, auch diese Frau unbedingt haben will. Und als Habsucht, mit der er sich über allen Anstand und alle Gebote Gottes hinwegsetzt.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem! – David hat kläglich versagt. Er hat Schuld auf sich geladen und seine Macht als König auf abscheuliche Weise missbraucht. So wie der syrische Diktator Assad, der für seinen Machterhalt seit Jahren Krieg gegen das eigene Volk führt. So wie Putin, der seit einem halben Jahr Krieg gegen die Ukraine führt, weil er diesen souveränen Staat seinem Großreich einverleiben will. Den Machtmissbrauch finden wir auch dort, wo Priester oder Diakone Kindern sexualisierte Gewalt angetan haben. Oder wenn Präsidenten wie Bolsonaro den Klimawandel leugnen und aus kurzsichtigen wirtschaftlichen Interessen den Regenwald abholzen. Überall erleben wir, dass Menschen lügen und betrügen, dass sie im Jähzorn zuschlagen und vergewaltigen, dass sie sich von Neid und Gier überrumpeln lassen, dass sie in Habsucht und Unersättlichkeit an sich raffen, was sie nur kriegen können. Koste es, was es wolle - und sei es sogar ein Menschenleben oder die Zukunft unseres Planeten.

Was sagt Gott dazu? Wo ist Gott in all diesem Bösen? - In unserer Predigtgeschichte schickt Gott den Propheten Nathan zu König David, und der sagt ihm folgendes: Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viel Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß, und er hielt es wie eine Tochter. Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er es nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten. Und er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war. – Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: So wahr der Herr lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat. Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann! So spricht der Herr, der Gott Israels: Ich habe dich zum König gesalbt über Israel und habe dich errettet aus der Hand Sauls und habe dir deines Herrn Haus gegeben, dazu seine Frauen in deinen Schoß, und habe dir das Haus Israel und Juda gegeben. Und ist das zu wenig, will ich noch dies und das dazu tun. Warum hast du denn das Wort des Herrn verachtet, dass du getan hast, was ihm missfiel? Uria, den Hetiter, hast du erschlagen mit dem Schwert, seine Frau hast du dir zur Frau genommen, ihn aber hast du umgebracht durch das Schwert der Ammoniter. Nun, so soll von deinem Haus das Schwert nimmermehr lassen, weil du mich verachtet und die Frau Urias genommen hast, dass sie deine Frau sei. – Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den Herrn. Nathan sprach zu David: So hat auch der Herr deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben. Aber weil du die Feinde des Herrn durch diese Sache zum Lästern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben. Und Nathan ging heim.

Nathan erzählt ein Märchen, mit dem er David den Spiegel vorhält. Aber der erkennt sich gar nicht darin. So borniert sind wir Menschen, dass wir oft gar kein Unrechtsbewusstsein haben, wenn es uns selbst betrifft. Vielleicht besteht darin die perfide List des Bösen: Es überlistet uns derart, dass wir meinen, trotz böser Taten im Recht zu sein. Die meisten Nazitäter, die vor Gericht gestellt wurden, haben jede Schuld geleugnet oder sich auf das damalige Recht berufen. Auch Putin ist vermutlich der festen Überzeugung, dass die Ukraine rechtmäßig zu Russland gehört und er das in seinen Augen widerspenstige Volk mit Raketen bestrafen darf.

Aber das stimmt nicht, und vor Gott müssen alle Masken der Rechthaberei und Schuldverleugnung fallen. Du bist der Mann!, sagt Nathan zu David. Du bist schuldig! Du hast dich vom Bösen überwinden lassen statt das Gute zu tun, wovon du aus den Geboten Gottes weißt. Du hast unfassbares Leid über die Menschen gebracht. Du hast dich von Gott abgewendet in deiner Gier und Unersättlichkeit, so sehr, dass du vergessen hast, was Gott dir alles geschenkt und was er für dich getan hat.

In unsere Predigtgeschichte wird weiter erzählt, dass Nathan dem David ein Strafgericht Gottes ankündigt. Zwar soll David selbst nicht sterben. Das deckt sich mit unserer Erfahrung, dass die Übeltäter selbst oft ungeschoren davonkommen. Davids Strafe soll vielmehr sein, dass der Sohn aus der Verbindung mit Batseba stirbt. So dachte man noch in der Frühzeit der Bibel, nämlich im sogenannten Tat-Ergehen-Zusammenhang, dass also auf ein böses Tun unmittelbar ein leidvolles Ergehen als Strafe Gottes folgt. Erst in späteren biblischen Büchern wird darüber nachgedacht, dass das so nicht aufgeht. Weder auf der Seite Gottes noch auf der Seite der Menschen. Schließlich leidet auch Batseba unter dem Tod ihres Sohnes, und dieses Baby trägt gar keine Schuld. Doch in einer unheilvollen Schuldverstrickung zieht ein Übeltäter Unschuldige mit hinein. Darum hören wir von Gott in späteren biblischen Geschichten andere Töne. Am Ende der Sintflutgeschichte lässt der Schriftsteller Gott sagen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Bei den Propheten Jeremia und Ezechiel findet sich die Erkenntnis, dass Gott nicht bis ins dritte und vierte Glied hinein straft, dass es also dem Willen Gottes widerspricht, wenn ein Sohn für die Schuld seines Vaters büßen muss. Sondern jeder Mensch ist für seine Taten persönlich verantwortlich. Und noch später, besonders im Hiobbuch und in vielen Psalmen taucht die Frage auf, warum gerade der Gute, der Fromme, der Gerechte leiden muss. Schon in der Bibel kommt Gott manchen Menschen so unergründlich vor, wie es uns auch erscheint, wenn das Böse in unser Leben hereinbricht. Sei es in Gestalt böser Menschen, die lügen und betrügen oder die ihre Macht missbrauchen. Oder sei es in Gestalt von unbegreiflichen Schicksalsschlägen.

Darum finden wir in S. Taufspruch die Aufforderung: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem! Angesichts des allgegenwärtigen Bösen sollen wir in der Nachfolge Jesu Christi und als Kirche nicht resignieren: Verzweifelt nicht an Schuld und Leid in der Welt! Sondern lasst euch trotz des Bösen zum Guten ermutigen! Zum Guten, das so einleuchtend ist und das es doch so schwer hat, sich durchzusetzen. Ja, der Taufspruch ist leichter gesagt als getan. Was kann uns Christen dann helfen, so zu leben, wie wir es eigentlich wollen und als richtig erkennen? Oder besser: Wer hilft uns dabei?

Am Taufbecken habt ihr gerade gesagt: Ja, mit Gottes Hilfe! Darin steckt beides: Euer Ja, also euer fester Wille, dass ihr als Eltern und Paten gut für S. sorgen und sie in ihrer Entwicklung zu einem fröhlichen, mutigen und verantwortungsbewussten Mädchen fördern wollt. Und euer Eingeständnis, dass ihr dafür die Hilfe Gottes brauchen werdet. Die Hilfe durch Gottes heiligen Geist, der uns Mut und Kraft schenkt, um dem Bösen zu widerstehen und das Böse mit Gutem zu überwinden. Der uns Trost und Hoffnung schenkt, wenn wir in den vielen globalen Krisen oder in persönlicher Not zu verzweifeln drohen. Und der in uns den Glauben an Jesus Christus stärkt, den Glauben, dass Gott uns unsere Schuld vergibt, wenn wir selbst der List des Bösen erliegen und andere verletzen und enttäuschen.

Unser Gott ist ein Gott der Liebe, der als Vater Jesu Christi einen Bund des Friedens und der Versöhnung mit uns schließt. Durch unsere Taufe sind wir mit Gott in diesem Liebesbund zusammen geschlossen. Das ist natürlich kein Freifahrtschein zur Sünde nach dem Motto: „Ich kann ja ruhig Böses tun, wenn Gott mir eh vergibt.“ Sondern so wie Nathan Davids Schuld schonungslos aufdeckt, wird Gott auch uns in seinem Gericht unsere Schuld aufzeigen. Es muss ein Gericht geben, damit alle Opfer böser Taten wieder ins Recht gesetzt werden. Ein Gericht, in dem die bösen Taten gerichtet werden. Das kann uns durchaus Angst machen. Gegen diese Angst aber steht unsere christliche Hoffnung und das Versprechen, das Jesus uns im Taufbefehl gegeben hat: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Mit Jesus als Beistand werden wir im Gericht Gottes nicht hingerichtet, sondern neu ausgerichtet und schließlich aufgerichtet.

In dieser Hoffnung und im Vertrauen auf die Liebe Jesu brauchen wir nicht für den Himmel zu sorgen. Sondern unser himmlisches Heil dürfen wir getrost Gott überlassen. Unser Auftrag ist und bleibt es, in der Nachfolge Jesu unser Leben auf der Erde zu gestalten. Im Sinne von S. Taufspruch: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!

Dazu helfe uns Gott. Amen.

 

Predigt über Lk 23,33-49 am Karfreitag, den 15.4.2022 - Pastorin Antje Stümke

 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn JC. Amen.

Liebe Gemeinde!

„Fürwahr, dieser ist gerecht gewesen!“ – Das sagt ein römischer Hauptmann, nachdem Jesus am Kreuz qualvoll gestorben ist. Und damit erkennt er: Der, der hier soeben gestorben ist, hat den Tod nicht verdient. Und das grauenvolle und demütigende Leiden, dem Jesus in der Folter und am Kreuz ausgesetzt gewesen ist, ist nicht zu rechtfertigen. Diese Kreuzigung, die Todesstrafe der Römer für Rebellen und politische Gefangene, ist vielmehr zu verurteilen. „Denn fürwahr, dieser ist gerecht gewesen!“ - Aber warum nimmt einer, der völlig unschuldig ist, eine Schuld auf sich, die damals auf solch entsetzliche Weise bestraft worden ist? Warum leidet ein Mensch freiwillig so unerträgliche Qualen? Warum stirbt Jesus, der Gerechte, der Sohn Gottes? - Es ist der Evangelist Lukas, der in seinem Bericht der Kreuzigung Jesu den Akzent auf diese Fragen setzt. Seine Erzählung ist an diesem Karfreitag unser Predigtwort. Auch bei Lukas wird uns ebenso wie beim Evangelisten Johannes, dessen Bericht wir eben hörten, von einem Gespräch erzählt, das Jesus am Kreuz führt. Doch waren es bei Johannes die Mutter und der Jünger Jesu, so sind es bei Lukas zwei Verbrecher, die zusammen mit Jesus gekreuzigt werden.

Als sie an die Stätte kamen, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn daselbst und zwei Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ – Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand und sah zu. Auch die Obersten spotteten und sprachen: „er hat anderen geholfen; er helfe sich selber, wenn er der Christus ist, der Auserwählte Gottes.“ Es verspotteten ihn auch die Kriegsknechte, traten zu ihm und brachten ihm Essig und sprachen: „Bist du der Juden König, so hilf dir selber!“ Und über ihm stand die Überschrift: Der Juden König. - Aber einer der Übeltäter, die da gehenkt waren, lästerte ihn und sprach: „Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!“ Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach: „Fürchtest du dich denn nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Und wir sind mit Recht darin, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind. Dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ Und er sprach: „Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Und Jesus sprach zu ihm: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“- Es war schon um die sechste Stunde, da wurde eine Finsternis über das ganze Land bis an die neunte Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels zerriß mitten entzwei. Und Jesus rief laut und sprach: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ Und als er das gesagt hatte, verschied er. - Da aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: „Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen!“ Und alles Volk, das dabei war und zusah, da sie sahen, was da geschah, schlugen sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne und die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

Wenn du wirklich der Sohn Gottes bist, dann hilf dir selber! Nachdem Jesus schon im Verhör qualvolle Schmerzen und höhnischen Spott ertragen hat, machen sich auch im Tod noch alle über ihn lustig. Trotzdem denkt Jesus, der sich immer den Menschen zugewandt hat, der die Kranken geheilt, die Verlorenen gesucht und die Sünder gerufen hat, auch in Qual und Einsamkeit nicht an sich, sondern an uns: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! - Bei diesem Gebet Jesu am Kreuz lässt uns der Evangelist Lukas im Unklaren darüber, an wen Jesus denkt. Ist es die johlende und spottende Menschenmenge zu seinen Füßen? Sind es die beiden Verbrecher an seiner Seite? Oder meint er sie alle – und uns dazu? Denn Jesu Gebet betrifft uns heute wie damals: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Wussten sie es wirklich nicht? Wissen auch diejenigen, die heute foltern, vergewaltigen und töten, nicht, was sie tun? Kann man tatsächlich nicht wissen, dass man gerade einen Menschen umbringt? Kann man es tatsächlich nicht merken, dass man einen Menschen quält, dass man ihn kränkt und verletzt, demütigt und erniedrigt? Kann unser Hass uns so sehr verblenden, dass jeder Anstand in uns völlig ausgeschaltet ist? – Fassungslos und ohnmächtig blicken wir auf das Böse, das sich in unserer Welt immer wieder ereignet, in der Ukraine und anderswo. Auf das Böse, das wir nicht wollen, das wir uns nicht erklären können, und das doch immer wieder von uns Besitz ergreift. Vielleicht wissen wir Menschen also wirklich nicht, was wir tun und wozu wir imstande sein können, wenn wir unsere Vernunft ausschalten, wenn wir unseren Trieben folgen oder wenn wir unsere Macht missbrauchen.

Aber ist das eine Entschuldigung? Kann es uns entschuldigen, wenn wir geltend machen: Wir konnten doch gar nichts dafür! Wir wussten doch gar nichts davon! Und wenn wir es wussten, dann gab es keine andere Möglichkeit als mitzumachen, anderenfalls wäre es uns selbst an den Kragen gegangen! Kann es uns entschuldigen, dass wir nicht wissen, was wir tun, wenn wir heute wegschauen und verdrängen, weil wir das Leid anderer nicht aushalten können? Wir wissen, dass es eigentlich keine Entschuldigung für unser Verhalten gibt, weder für das aktive Mitmachen noch für das passive Weggucken. Weder für die, die damals unter dem Kreuz ungerührt um Jesu Kleider würfelten und ihn verhöhnten, noch für die, die von ferne zuschauten wie die Frauen, die ihm seit Galiläa als Jüngerinnen nachgefolgt waren, noch für die übrigen Jünger, die aus Angst gar nicht erst dabei gewesen sind. Es ist nicht zu entschuldigen, wenn ein Mensch durch die Schuld anderer leidet, weder damals noch heute.

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! – Jesus betet dennoch so. Vergebung statt Entschuldigung. Ent-schuldigt werden kann Schuld nicht, denn die Tat der Schuld bleibt ja. Gefolterte sind für den Rest ihres Lebens körperlich und psychisch versehrt. Frauen, die im Krieg vergewaltigt werden, bleiben traumatisiert. Und wer in Butscha und Tschernihiw ermordet worden ist, kann nicht wieder zum Leben erweckt werden. Mit der schuldigen Tat bleibt auch die Schuld der Täter. Das müssen wir zunächst einmal aushalten. Denn anders kann den Opfern nicht Gerechtigkeit widerfahren. Die Schuld der Täter bleibt, was uns bei Bösewichtern wie Putin und anderen Diktatoren oder bei Terroristen auch einleuchtet. Da wünschen wir uns ja geradezu eine Bestrafung. Wie aber urteilen wir, wenn wir in viel kleinerem Ausmaß selbst Böses getan haben? Wenn wir einen Menschen so sehr verletzt haben, dass es zum Bruch der Beziehung kam! Wenn Stolz und die Angst, selbst das Gesicht zu verlieren, es unmöglich machen, die eigene Schuld einzugestehen!

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! – So betet Jesus für alle, die schuldig geworden sind. Vergebung statt Entschuldigung. Die Vergebung Gottes ist ganz anders als unsere Versuche der Selbstrechtfertigung. Denn Gott behält den Überblick. Wenn Gott Schuld vergibt, hat er beides im Blick: Die Schuld der Täter und das Leiden der Opfer. Vergebung gibt es nicht billig und automatisch und auch nicht ohne Reue. Vergebung geschieht im Gespräch mit Gott über das, was ich getan habe. - So wie Jesus am Kreuz mit dem einen der beiden Rebellen redet. Mit dem, der plötzlich begriffen hat, was hier geschehen ist und der seinen spottenden Kumpan zurechtweist: Fürchtest du dich denn nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Und wir beide sind mit Recht darin, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind, aber dieser hat nichts Unrechtes getan!  - Fürchtest du dich nicht vor Gott? Fürchtest du dich nicht davor, dass du heute Gott selbst in seinem Gericht gegenüber treten und dich für deine Taten verantworten musst? Zwar meinten wir, im Recht zu sein, wenn wir als Partisanen die römischen Eroberer aus dem Hinterhalt erschossen haben. Aber haben wir da nicht Gleiches mit Gleichem vergolten? Sind wir besser als die, die wir bekämpft haben? Oder haben wir nicht ebenso wie sie Schuld auf uns geladen?

Wer ist besser? Wem gebührt unser Mitgefühl? – Im Krieg Russlands gegen die Ukraine gehört unsere Solidarität eindeutig den Menschen in der Ukraine. Und das natürlich zu Recht, denn sie sind es, die fliehen müssen, die grausam ermordet und deren Städte und Krankenhäuser sinnlos zerbombt werden. Die ukrainische Armee verteidigt bisher nur das eigene Land. Noch ist keine Rakete gen Moskau geflogen. Auch das bestärkt unsere Sympathie, wir gönnen den Ukrainern die Rückgewinnung der Gebiete um Kiew und fürchten mit ihnen den Großangriff im Donbass. Aber weder das Mitgefühl mit der Zivilbevölkerung noch die Freude über militärische Erfolge der ukrainischen Soldaten dürfen uns über eines hinwegtäuschen: Es sterben in diesem Krieg auch Russen. Junge Männer, die vielleicht nur 20 Jahre alt geworden sind. Und in Russland hat sich zwar der größere Teil der Bevölkerung von Putins Lügenpropaganda einlullen lassen, aber es gibt auch dort Menschen, die unser Mitgefühl und unser Gebet brauchen. Unzählige Menschen sind in Haft, weil sie gegen den Krieg demonstriert haben, und auch aus Russland sind Menschen geflüchtet, weil sie um ihr Leben fürchten. In einem Krieg gibt es immer auf beiden Seiten Leid und auf beiden Seiten Schuld, wenn auch hier die russische Waagschale das schwerere Schuldgewicht trägt und die ukrainische Waagschale das größere Leidgewicht. Aber auch das darf uns nicht dazu verführen, nun laut auszusprechen, was viele bislang nur gedacht haben: Ich habe ja immer gewusst, dass dem Russen nicht zu trauen ist! Wer so denkt, erklärt alle Bemühungen um Entspannung und Frieden nach dem kalten Krieg für gescheitert.

Zwar mag die Geschichte diesen Skeptikern derzeit Recht geben. Aber vom Kreuz Christi aus betrachtet behalten sie nicht Recht. Da sagt Jesus dem einen, der seine Schuld begreift und bereut: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. – Dieses Urteil Jesu gibt nicht den Kriegstreibern Recht und auch nicht denen, die aus realistischen Erwägungen heraus schon immer für militärische Aufrüstung waren. Denn das Paradies kann nur ein Ort des vollkommenen Friedens sein. Darum setzt sich die Kirche überall auf der Welt für den Frieden ein. Derzeit jedoch bringt Putins Angriffskrieg uns Christen in ein großes Dilemma. Eigentlich wollen wir ohne Waffen Frieden schaffen. Aber die Ukraine hat jedes Recht auf Verteidigung – und braucht dazu Waffen. In einem solchen Dilemma gibt es nicht mehr das eindeutig Gute und das eindeutig Böse, sondern wir werden so oder so in das Böse mit hineingezogen. Damit werden die beiden Verbrecher, die mit Jesus gekreuzigt werden, zu Typen, in deren Gespräch wir unser eigenes Dilemma wiederfinden. Als Partisanen wollten sie ja auch ihr Land und ihre Eigenständigkeit gegen eine Besatzungsmacht verteidigen. Der eine von ihnen bleibt in diesem Freund-Feind-Denken verhaftet, während der andere auch die eigene Schuld sieht und das Leid, das er anderen zugefügt hat.

Ihm sagt Jesus: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Heute, am Karfreitag, wird die Tür zum Paradies geöffnet und Vergebung der Schuld ermöglicht. Am Kreuz vollendet sich, was in der Krippe begonnen hat. Zu Weihnachten hat der Engel im Lukasevangelium verkündet: Euch ist heute der Heiland geboren! Und in der Passionsgeschichte sagt Jesus: Heute wirst du mit mir im Paradies sein!  Wie es in der Geburtsstunde Jesu mitten in der Nacht strahlend hell wurde, weil der Sohn Gottes in die Welt gekommen ist, so wird es in Jesu Sterbestunde zur Mittagszeit stockfinster, weil der Sohn Gottes für uns stirbt. – In Krippe und Kreuz wird uns die Gnade Gottes geschenkt: Heilung aller Wunden und Vergebung aller Schuld. Wer leidet, kann durch das Kreuz Trost und Hilfe empfangen. Den Trost, dass Gott uns im Leiden nicht allein lässt, sondern dass er mit uns trägt, was er uns an Schmerzen zumutet. Und die Hilfe, mit der wir aushalten können, was andere uns an Kränkungen, Verletzungen und Gewalt zufügen. - Ebenso kann in der Finsternis des Kreuzes die Erkenntnis unserer Sünde wachsen. Wie der eine der beiden Partisanen im Blick auf Jesus sein eigenes Unrecht begriffen hat, können auch wir am Kreuz erkennen, warum Jesus so stirbt und warum Gott, der Vater, ihn so sterben lässt.

Denn Jesus nahm nicht nur das Leid der Welt auf sich, sondern ebenso die Schuld der Menschen. Am Kreuz Christi können wir unser eigenes Bild erkennen: Auch unser derzeitiges Dilemma, das uns zwingt, Entscheidungen zu treffen, die wir als Christen eigentlich ablehnen, die angesichts des Krieges aber nötig sind. Vom Kreuz Christi her aber treffen wir diese Entscheidungen nicht selbstherrlich, sondern in Demut und im Bewusstsein, dass wir gerade so oder so schuldig werden, ob wir uns raushalten oder einmischen. In dieser Erkenntnis beten wir wie der reuige Partisan: Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst!

Und Jesus antwortet uns: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein! Heute, am Karfreitag und durch mein Kreuz hindurch. Heilung aller Wunden und Vergebung unserer Schuld werden uns im Leiden und Sterben Jesu geschenkt. Im Gericht Gottes, im Gespräch zwischen Gott und mir über alles, was war, in der Erkenntnis unserer Sünde und im Einverständnis über das, was gut und richtig gewesen wäre, wird Vergebung zugesprochen. Und Frieden und Gerechtigkeit werden möglich für Täter und Opfer.

Amen.



Predigt über Mk 8,31-38 an Estomihi, 27.2.2022 - Pastorin Antje Stümke

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

gib uns Frieden jeden Tag, gib uns Freiheit, gib uns Freude! So haben wir gerade gesungen und gebetet. Und auch: Lass für Frieden uns und Freiheit immer tätig sein! – Aber haben wir uns wirklich dafür eingesetzt? Oder haben wir nur die Früchte genossen, die aus Frieden und Freiheit wachsen: Bildung, Wohlstand und Komfort. In Frieden und Freiheit zu leben ist uns zur Selbstverständlichkeit geworden. So sehr, dass wir zwar mit Betroffenheit in die Regionen der Welt geblickt haben, in denen Bürgerkriege toben, dass wir die Nachrichten darüber aber immer schnell wieder vergessen haben. Syrien – ja, da gibt es Krieg, aber der währt nun schon so lange, dass wir uns daran gewöhnt haben. Schließlich ist die Lage im Nahen Osten ohnehin instabil, und wirklich gekümmert hat uns das nie, bis 2015 plötzlich Abertausende von Flüchtlingen an unseren Grenzen standen. Mali - ach ja, da ist die Bundeswehr auch im Einsatz, aber glücklicherweise liegen das Mittelmeer und die Sahara zwischen Europa und den Konfliktgebieten Afrikas. Myanmar - richtig, da hat vor einem Jahr das Militär geputscht, aber wo liegt das eigentlich genau? Der Jemen – wie, da wird auch Krieg geführt?

Lass für Frieden uns und Freiheit immer tätig sein! Ehrlicherweise müssen wir zugeben, dass wir genau das nicht getan haben. Sondern wir haben uns in der Komfortzone von Frieden, Freiheit und Wohlstand eingerichtet. Und was hätten wir – so wenden wir zu unserer Rechtfertigung ein – denn tun können für die Menschen in Syrien und Palästina, im Sudan und im Jemen, in Mali und Myanmar? Was können wir nun für die Menschen in der Ukraine tun? – Wie bei allen anderen Kriegen würden wir auch hier am liebsten den Fernseher ausschalten und die Augen vor dem Leid der Menschen verschließen. Nicht aus Hartherzigkeit und Gleichgültigkeit – so unmenschlich sind wir dann doch nicht. Sondern aus Fassungslosigkeit und Hilflosigkeit. Die Älteren unter uns, die den zweiten Weltkrieg noch erlebt haben, wissen genau, wie es sich anfühlt, verängstigt in einem Keller zu sitzen, während Raketen in Häuser hineinschießen. Oder wie es ist, wenn man bei Nacht und Nebel plötzlich die Heimat verlassen muss, nur dass es damals Trecks mit Pferd und Wagen waren und heute kilometerlange Autostaus.

Wer damals Krieg und Flucht erlebt hat, mag durch die Bilder aus Kiew nicht daran erinnert werden, denn die Erinnerungen tun noch immer weh. Und wir Jüngeren wollen nicht wahrhaben, dass wirklich passiert ist, wovon wir meinten, dass wir es Gott sei Dank niemals würden erleben müssen: Ein Krieg in Europa! Nicht nur ein regionaler Konflikt in Nordirland oder im Baskenland. Sondern ein echter Krieg mit einem technisch hoch gerüsteten und über die Maßen gefährlichen Aggressor, der einfach in ein souveränes Land einmarschiert. Ein Krieg in unserer Nähe! Ein Krieg, der uns ganz anders betrifft, als es die Bundeswehreinsätze im Kosovo und in Afghanistan taten. Denn dieser Krieg bedroht nicht nur deutsche Soldaten, sondern er verängstigt uns alle. Ist Putin zu stoppen? Wird er sich nach der Ukraine auch die baltischen Republiken einverleiben? Wird er seine Drohung wahrmachen und sogar einen Atomkrieg wagen? Wird das Undenkbare, das Ungeheuerliche wirklich passieren?

 

Gib Frieden, Herr, gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf.

Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt, liegt obenauf.

Das Unrecht geht im Schwange, wer stark ist, der gewinnt.

Wir rufen, Herr, wie lange? Hilf uns, die friedlos sind.

Gib Frieden, Herr, wir bitten! Die Erde wartet sehr.

Es wird so viel gelitten, die Furcht wächst mehr und mehr.

Die Horizonte grollen, der Glaube spinnt sich ein.

Hilf, wenn wir weichen wollen, und lass uns nicht allein.

Dieses Lied beschreibt sehr gut die aktuelle Situation mit dem Grollen der Geschosse und Putin als mächtigem Lügner, der sich über jedes Recht hinwegsetzt. Ebenso benennt der Dichter unsere Angst und Hilflosigkeit. Der Glaube spinnt sich ein! – Was bedeutet das? Es bedeutet, dass wir nur uns selbst sehen: Unsere Angst vor Putin. Und unsere Angst vor den Folgen, die die Sanktionen für unser Portemonnaie haben werden: Steigende Gaspreise, um nur eines zu nennen. Werde ich mir da den geplanten Urlaub noch leisten können?

Wer so denkt, denkt wie Petrus in unserem Evangelium. Petrus, zu dem Jesus die unfassbar grausamen Worte spricht: Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Petrus wollte es einfach und bequem haben, und dazu gehörte, dass er es nicht aushalten konnte, als Jesus frei und offen davon redete, welches Leid er erdulden und welchen Tod er bald sterben würde. Wie wir wollte Petrus sich die Ohren zuhalten und die Augen vor der Realität menschlicher Grausamkeit schließen. Wie wir wollte er davon nichts wissen. Dass Jesus ihn darum als Satan bezeichnet, erscheint uns aber völlig überzogen. Der Satan im Ukraine-Krieg ist ja wohl Putin! – Dass Putin mit seiner Aggression, seinem Machtmissbrauch, seinen Lügen und seiner ideologischen Geschichtsfälschung dämonische Züge trägt und Böses tut, ist unbestritten. Aber darauf allein dürfen wir uns nicht ausruhen. Weder die Regierungen der westlichen Welt, weder EU noch Nato. Aber auch nicht wir als einzelne, und schon gar nicht wir als christliche Gemeinde in der Nachfolge Jesu.

Denn um Nachfolge geht es in unserem Evangelium und in Jesu drastischen Worten. Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten. Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? 

Nachfolge, das macht Jesus hier unmissverständlich klar, ist nicht nur „ein bisschen Frieden“ oder „ein bisschen Liebe“. Nachfolge ist weder gemütlich noch bequem. Sondern Nachfolge kann Mut und Entschlossenheit fordern und sogar das Leben kosten. So war das bei vielen Märtyrern früherer Jahrhunderte oder bei überzeugten Christen wie Dietrich Bonhoeffer. Und heute sehe ich diesen Mut bei Menschen, von denen ich gar nicht weiß, ob sie Christen sind, nämlich bei den Tausenden, die in Moskau und anderen russischen Städten gegen den Krieg demonstriert haben und die nun in Gefängnissen sitzen. Vielleicht verlieren sie ihr Leben – ob um Christi und des Evangeliums willen, wissen wir nicht. Aber sie nehmen keinen Schaden an ihrer Seele, weil sie sich nicht von Putins Lügen haben einlullen lassen, weil sie nicht blind und taub geworden sind für das Leid anderer, weil sie sich vielmehr für ihre Überzeugung, nämlich für Recht und Gerechtigkeit, für Frieden und Freiheit engagiert haben.

Zu einer so entschlossenen und mutigen Nachfolge sind sicher die wenigsten unter uns fähig. Davor haben wir vermutlich alle – auch ich – viel zu große Angst. Ich bin darum meinem Gott zutiefst dankbar, dass ich diese Predigt halten kann ohne befürchten zu müssen, deshalb morgen von der Polizei verhört zu werden. Für uns, die wir feiger sind als andere, sollte Nachfolge daher zumindest Demut und Dankbarkeit bedeuten. Zur Demut gehört das ehrliche Schuldeingeständnis, dass wir Angst haben und dass unsere Angst uns blind werden lässt, so dass wir das Leid anderer aus unserem Leben und aus unseren Gedanken ausblenden. Zur Demut gehört die Betroffenheit darüber, dass wir als Christen in der Nachfolge Jesu sogar im Gebet nachlässig geworden sind. Unsere Angst ist nachvollziehbar und verständlich, aber kein Gebet wird uns das Leben kosten oder uns unserer Freiheit berauben. Wenn wir das Gebet vergessen, zeigen wir vielmehr, dass wir die Menschen und ihr Leid vergessen. Oder dass wir es nicht aushalten, überhaupt an sie zu denken.

In dieser Vergesslichkeit und mangelnden Demut vergessen wir ebenso die Dankbarkeit. Ältere Menschen, die den Krieg erlebt haben, erzählen mir, dass sie Gott jeden Abend danken, weil sie wieder einen Tag in Frieden und Freiheit erleben durften. Tun wir Jüngeren das auch? Oder hat uns die erlebte Selbstverständlichkeit dieser hohen Güter gedankenlos gemacht? Gedankenlos und darum zugleich undankbar. Denn Dank ist nichts anderes als das Denken an Gott und an das Gute, das wir unverdient erleben. - Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? Was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? 

Ja, was hilft es uns, wenn wir auch in diesem Sommer ungerührt nach Mallorca fliegen? Sicher wird es da schön sein, Mallorca liegt ja nicht am Schwarzen Meer. Und natürlich müssen wir jetzt nicht auf jede Freude verzichten, auch im Krieg dürfen wir Geburtstage feiern und Freunde treffen, wenn die pandemische Lage das in den Sommermonaten wieder gefahrlos zulässt. Das verbietet auch Jesus nicht, der selbst gern mit seinen Jüngerinnen und Jüngern gegessen und getrunken hat. Aber in unserem Predigtwort weist er uns darauf hin, dass wir einmal vor dem Richterstuhl Gottes stehen werden: Wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln. – Was wird es uns helfen, wenn wir hier auf der Erde zwar gut und fröhlich gelebt haben, wenn unsere Seele aber Schaden genommen hat, weil wir schuldig geworden sind am Leid anderer?

Schuldig nicht durch böse Taten! Für solche haben sich Putin, Assad und andere zu verantworten. Wohl aber schuldig durch fehlende Demut und Dankbarkeit. Schuldig durch unsere Angst und Hilflosigkeit, die uns gedankenlos werden lässt. Nachfolge muss für uns darum mindestens zweierlei bedeuten: Das Gebet und die Bereitschaft zum Verzicht. Die Sanktionen werden Folgen für uns haben. Aber das darf uns nicht kopflos machen. Auch wenn ich mir diese Kreuzfahrt oder jenes Auto in den kommenden Jahren nicht leisten kann, wird es mir doch immer noch viel besser gehen als den Menschen in Kiew und im Donbass. Besser als den Millionen Flüchtlingen weltweit. Besser als allen, die in einer Diktatur leben oder die in Gefängnissen gefoltert werden. Das muss uns auch großzügig machen gegenüber all den Menschen, die jetzt aus der Ukraine flüchten. Irgendwo in Europa müssen sie freundliche Aufnahme und eine Wohnung finden, ob übergangsweise oder dauerhaft, wissen wir noch nicht. Auch das wird Geld kosten.

Wir werden darum sicher auf manches verzichten müssen, woran wir uns gewöhnt haben. Dennoch werden wir weiterhin eines der Länder mit der höchsten Lebensqualität überhaupt sein. Das allein sollte uns demütig und dankbar machen. Und dazu ist es wichtig, dass wir als Christen nicht aufhören zu beten. Denn im Gebet zeigen wir den Menschen in der Ukraine, dass ihr Leid uns nahegeht und dass wir an sie denken. Im Gebet offenbaren wir unsere Angst und bringen wir unsere Hilflosigkeit vor Gott. Im Gebet drängen wir Gott, dass er helfen und böse Menschen zu Einsicht und Umkehr bewegen möchte. Im Gebet bitten wir auch für diejenigen, die mutiger sind als wir selbst, dass Gott ihnen Kraft schenken und sie bewahren möge.

Im Gebet bitten wir um die Hilfe Gottes zum Frieden – so wie wir es gleich singen werden:

Gib Frieden, Herr, wir bitten! Du selbst bist, was uns fehlt.

Du hast für uns gelitten, hast unsern Streit erwählt,

damit wir leben könnten, in Ängsten und doch frei,

und jedem Freude gönnten, wie feind er uns auch sei.

 

Gib Frieden, Herr, gib Frieden: Denn trotzig und verzagt

hat sich das Herz geschieden von dem, was Liebe sagt!

Gib Mut zum Händereichen, zur Rede, die nicht lügt,

und mach aus uns ein Zeichen dafür, dass Friede siegt.

 

Amen.

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